Meisterwerkstatt

Waldkircher Orgelbau

Rühlmann-Orgel

Die Orgelbauanstalt Rühlmann, 1842 in Zörbig bei Halle begründet und dort durch 3 Generationen hervorragender Orgelbauer bis 1941 bestehend, baute ab Ende des vergangenen Jahrhunderts eine große Anzahl von Orgeln in Thüringen. Obwohl diese selbständige, berühmte Orgellandschaft bewährte Orgelbauer hatte,  wurden auch entfernt gelegene  Firmen mit Orgelbauten beauftragt: Sauer / Frankfurt-Oder, Steinmeyer / Oettingen, Voit  / Karlsruhe,  Walcker / Ludwigsburg und eben auch Rühlmann / Zörbig.  Erfurt erhielt 9 Orgeln von denen die Orgel in der Lutherkirche (III/46 - 1928 opus 425), wenn auch umgebaut, noch existiert.  Die Orgeln um die Jahrhundertwende waren die eigentlichen Glanzstücke;  diejenigen Orgeln der Zwischenkriegszeit kennzeichnete ein behutsamer Weg in Richtung einer klaren Klangebung zulasten mancher nun wegfallenden Schattierungsmöglichkeiten.

Das nachfolgende Jahrhundert brachte nach anfänglichen schrankenlosen Applaus dieser Orgeln Unverständnis und Zerstörung durch Krieg und Umbau, in der früheren DDR auch durch Ausplünderung, Verfall, Abriß der Kirchen. Das zeigt z.B. nach Hartmut Haupt: „Orgeln im Bezirk Suhl“, folgendes Ergebnis Rühlmann betreffend:

unverändert erhalten:  Dillstätt      op.386

                                   Kühndorf   op.379

barockisiert erhalten:   Brotterode op.229

                                   Metzels      op.245

                                   Rohr          op.372

                                   Viernau      op.444

Eine Lektüre der Verzeichnisse in Haupts Büchern über die Orgeln der Bezirke Suhl und Gera hat uns gezeigt, daß zumindest in diesem Bereich von keiner Firma eine Orgel dieser Größe und dieser Zeit in weitem Umfeld anzutreffen ist. Bedeutsam ist, daß die Brotteroder-Orgel darüber hinaus über einen Zinnprospekt verfügt.  Die Prospektpfeifen sind original von Rühlmann. Dies ist eine kostbare Besonderheit, denn fast alle Prospektpfeifen dieser Zeit fielen einer 1917 veranstalteten Beschlagnahme zum Opfer.

Der Umbau durch  Rudolf Böhm (gest.1965) in den Jahren 1950-ca.1956 brachte der Orgel eine vielleicht zu wünschende „Klarheit“ in den Mittelstimmen, beseitigte aber die  von Rühlmann gelegte Gravität der Orgel, die für einen Kirchenraum wie in Brotterode erforderlich ist. Im allgemeinen Trend der damaligen Zeit wurden gerne die weiten 8`- Register entfernt, dafür (meist zu viele und zu kleine) Einzelaliquote und Klangkrönchen  eingebaut. Der Winddruck wurde herabgesetzt! Die doch eher zurückhaltende Intonation auch bei Böhm´s Arbeit, läßt nach heutigem gewachsenen Empfinden eine Nacharbeit erforderlich werden.

Die Dispositionen im Vergleich:

a= originaler Bestand

n= Pfeifen von Böhm neu eingebaut

JETZIGE-Disposition:                            RÜHLMANN-Disposition:

I.Manual C-f```:

Bourdon 16`          a                                Bourdon 16`                     = erhalten

Prinzipal 8`            a                                Prinzipal 8`                       = erhalten

Holzflöte 8`           a                                Gedackt 8`

Oktave 4`              a                                 Hohlflöte 8`                      = erhalten

Flöte 4`                 a                                 Gambe 8`                          = z.Teil erhalten

Quinte 2 2/3`         a                                 Oktave 4`                          = erhalten

Schwiegel 2`         n                                 Harmonieflöte 4`               = erhalten

Oktävlein 1`          n/a                               Quinte 22/3`` + Oktave 2` = z.Teil erhalten

Mixtur 3-4f 1 1/3` n/a                               Mixtur 2`3f.                       = z.Teil erhalten

Trompete 8`          a                                  Trompete 8`                       = erhalten

II.Manual C-f```:                                                 

Gedackt 8`            a                                    Geigendprinzipal 8`  = z.Teil erhalten

Salicional 8`          a                                    Liebl.Gedackt 8`       = erhalten

Prinzipal 4`           n/a                                  Flute traverse 8`  

Rohrflöte 4`         n                                     Salicional 8`              = erhalten

Waldflöte 2`         n                                    Voix celeste 8`           = z.Teil erhalten

Quinte 1 1/3`        n/a                                  Flaute amabile 4`

Scharff 1` 3f.       n                                     Fugara 4`

Pedal  C-d°:

Principalbaß 16`     a                                    Subbaß 16`      = erhalten

Subbaß 16`             a                                   Violon 16`        = erhalten

Prinzipalbaß 8`       a                                    Principalbaß 8` = erhalten

Choralbaß 4`          n/a                                 Gedacktbaß 8`

Rauschpfeife 2 2/3`  n                                 Posaune 16`     = erhalten

Posaune 16`             a

Nach uns vorliegenden Unterlagen wie bei unserer Untersuchung am 14.3.1997 bestätigt, wurden folgende Änderungen vorgenommen:

Die jetzige Mixtur stammt aus der Rühlmann-Mixtur samt neuer Pfeifen.

Die jetzige Quinte stammt aus der Rühlmann-Quinte und Oktave samt neuer Pfeifen.

Das jetzige Oktävlein stammt aus der Rühlmann-Quinte und Oktave samt neue Pfeifen.

Der jetzige Principal 4 stammt aus dem Rühlmann-Geigendprincipal 8` samt einer Oktave

(f`` - f```)neuer Pfeifen.

Die jetzige Quinte 11/3` stammt aus der Rühlmann-Vox celeste 8`samt eineinhalb Oktaven

( c``-  f```)neuer Pfeifen.

Der jetzige Choralbass 4`stammt aus der Rühlmann- Gamba 8`.

FAZIT

Die Bedeutung der Rühlmanns für die Orgellandschaft in Thüringen ist sicherlich von großer Bedeutung.  Es steht außer Zweifel, das die Orgel in Brotterode die hohe  Handwerkskunst des Erbauers zeigt. Das Instrument muß erhalten werden. Der jetzige Zustand ist als nicht befriedigend zu bezeichnen. Die Orgel zeigte sich bei der Untersuchung am 14.3.1997 spielfähig. Außer einigen Tonaussetztern oder Registeraussetztern (C-Seite) waren alle Funktionen im spieltechnischen Bereich vorhanden. 1988 wurde nochmals eine Reinigung durchgeführt. Der vorgefundene Zustand läßt aber auf eine mangelnde Durchführung schließen.  Bei einer Reinigung wird die Orgel gründlichst ausgesäubert. Unter den Pedalladen ist aber Schmutz und Ablagerungen zu sehen, die mit Sicherheit älter sind. Seit ca. 1990 wurde die Orgel auch nicht mehr gepflegt und aus orgelbauerischer Sicht gewartet. Entsprechend ist der Gesamtzustand und die Stimmung. Die Orgel ist insgesamt stark verschmutzt.  Die gesamte Orgelanlage ist recht robust gebaut. Es waren  keine Spuren von Holzschädlingen festzustellen, die jetzt noch aktiv sind.  Der hohe Bestand an noch vorhandenen Rühlmann-Registern wie die sehr solide gebaute Orgelanlage und technische Funktionstüchtigkeit der rein pneumatischen Spiel- und Registeranlage, lassen den Wunsch aufkommen, eine Rückführung auf den Originalzustand von 1901 unbedingt durch zu führen.  Als Einheit von Raum, Klang und entsprechendem Zeitgeist könnte eine Restaurierung das verloren gegangene Kunstwerk zurück bringen.  Es scheint keine Alternative zu geben.  Die Orgel von Brotterode würde somit zu einem überregional wichtigem Dokument der Orgelbaukunst der Rühlmanns werden.  Orgelmusik aus der entsprechenden Stilepoche  kann dann wieder authentisch dargeboten werden. Die Gemeindeliedbegleitung ist in der originalen Disposition bestens möglich. Wenn es Ihrerseits gewünscht werden sollte, würden wir jedoch dem II.Manual einen nach Rühlmann-Mensur gearbeiteten 2`für die nicht mehr vorhandene Flute traverse 8`einfügen.  (Regers Orgelwerke verlangen ausdrücklich einen gelegentlichen 2`im II.Man.) Technisch hergerichtet, gereinigt und wie nachfolgend beschrieben restauriert, samt dem originalen Winddruck, wird ein majestätisches, vielseitiges und für den Gottesdienst wie  Konzert gleichermaßen geeignetes Instrument  wieder erwachen.         Es wird Teil eine Kulturlandschaft sein.

Die Arbeiten wurden von uns 1999 abgeschlossen. Seither spielt die Rühlmann-Orgel in Brotterode störungsfrei und immer zur Freude und Erbauung der Kirchengemeinde in Gottesdiensten und den Zuhören bei Konzerten.

Waldkircher Orgelbau Jäger & Brommer

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